Ein Schritt zurück
Mit der Herrlichkeit des Hoffenheimer Fußballs ist es zwar schon länger vorbei. Nun aber spielt die TSG so schwach, dass ihr Manager nur noch eins fordert: Kampf. Erst einmal geht es vor allem darum, den Bundesliga-Standort zu sichern.
Sie hatten sich das alle ganz anders vorgestellt. Der Trainer, der Manager, die Spieler und natürlich auch die Zuschauer. Jahrelang ging es steil bergauf, immer weiter bis zur Herbstmeisterschaft 2008, und vielleicht hatte man ja bei der TSG 1899 Hoffenheim tatsächlich geglaubt, diesen Anstieg irgendwie fortzuführen zu können. Doch er ist vorbei. Stattdessen: Schwankende Leistungen, stagnierendes Spiel, unzufriedene Zuschauer und ein Manager, dem das alles gar nicht gefällt.
Wir sind hier im Moment alle ziemlich enttäuscht", sagte Jan Schindelmeiser, nachdem die einst hochgelobte TSG gegen Mainz leblos gespielt und daher verdient 0:1 verloren hatte. "Wir werden nicht alles in Frage stellen, aber so kann es nicht weitergehen."
Natürlich konnte der Club nicht ewig wie ein Wirbelwind über die Liga hinwegfegen, und strenggenommen ist es mit der großen Herrlichkeit ja auch schon länger vorbei. Wie sich die Hoffenheimer jedoch im März 2010 - nach einem neuerlichen Leistungsabfall - präsentieren, das ist erschreckend. Auf einmal ist all das, was sie im Aufstiegsjahr aus der zweiten Liga und im Debütjahr in der Bundesliga auszeichnete, nicht nur verborgen: Es ist verschwunden.
Von der Zukunftswerkstatt zur Mottenkiste
Klar, für den "Hoffenheimer Fußball", wie sie ihr Idealbild selbst so gerne nennen, bedarf es einiger Voraussetzungen, und die sind eben nicht immer gegeben. Mal sind Schlüsselspieler verletzt (was häufig vorkommt), mal sind sie außer Form, mal stellt der Gegner unlösbare Probleme. Betrachtet man jedoch, wie müde und uninspiriert sich der Club nicht nur am Sonntagabend, sondern bei einigen seiner vergangenen Auftritte präsentierte, kann man Manager Schindelmeiser verstehen, wenn er anmerkt: "Bei solchen Spielen fällt es schwer, die Mannschaft noch länger zu schützen."
Gegen Mainz jedenfalls dauerte es nicht einmal 22 Minuten, schon reagierte das Publikum mit Pfiffen, als Verteidiger Marvin Compper große Not hatte, den Ball zu einem Mitspieler zu passen. "Wir vergessen das hier am besten ganz schnell", gab der Stadionsprecher den frustrierten Zuschauern mit auf den Nachhauseweg.
Nach nur drei Siegen aus den vergangenen 16 Pflichtspielen, ständig wechselnden Formationen und immer geringerer Spieldominanz ist Hoffenheim, das diese Saison nur gegen schlechter platzierte Teams gewonnen hat, an einem Punkt angelangt, den es eigentlich nie erreichen wollte. Denn auf einmal ist mit all ihren hochmodernen Herangehensweisen kein Fortschritt mehr zu erreichen, sondern nur noch mit den Tugenden aus der Mottenkiste des Fußballs: Kampf, Wille, Leidenschaft.
Für Schindelmeiser ist der Fall jedenfalls klar: "Unser nächstes Spiel wird zum Charaktertest. Ich bin gespannt, wie die Mannschaft reagiert. Wir müssen da jetzt durch, auch wenn der Weg steinig wird." Was so einfach klingt, kann für eine Mannschaft, die für alles, aber nicht für die nun geforderte Qualität bekannt ist, auf einmal zur hohen Hürde werden.
Plötzlich Klassenerhalt als Ziel
In die Hoffenheimer Mannschaft wurde in den vergangenen Jahren eine ganze Menge investiert, viel Geld, aber auch viel Vertrauen. "So langsam", betont Schindelmeiser, "muss dieses Vertrauen mal zurückgezahlt werden. Hier haben zwar viele Spieler langfristige Verträge. Aber das heißt nicht, dass wir uns solche Leistungen noch länger anschauen werden." Um dem Vorjahresaufsteiger ein wenig zu helfen, zum Beispiel heraus aus dem Niemandsland der Tabelle oder auf der Suche nach seiner eigenen Identität, appelliert Schindelmeiser auch an Ehre und Pflichtbewusstsein der Spieler - wenn es schlecht läuft, wird er das sogar noch öfter machen müssen, denn Kapitän Sejad Salihovic klang am Sonntag ziemlich unbeteiligt, als er sagte: "Heute wurde es uns ja auch schwergemacht, dann versuchen wir es halt nächste Woche wieder."
Wie auch immer sich die Reaktion der Spieler in den kommenden Wochen darstellen wird, ihr Manager hat jedenfalls bereits erkannt, dass diese Saison wohl kaum noch in positive Wege zu lenken sein dürfte. Vielmehr denkt er bereits an die kommenden Jahre und unterstreicht die Bedeutung, sich langfristig in der Bundesliga zu etablieren. Und deshalb werden die einst so hohen Ansprüche auch immer weiter heruntergeschraubt. Ihm gehe es derzeit nicht darum, "mit aller Macht" oben mitzuspielen, sagte der 46-Jährige und ging dabei einen symbolischen Schritt zurück - vielmehr habe er es sich zum Ziel gesetzt, den "Bundesliga-Standort Hoffenheim" zu sichern.
"Wir wollen hier auch noch in zehn Jahren erste Liga spielen, und der Verein soll nicht zur Fahrstuhlmannschaft werden", erklärte er und lieferte gleich den Hinweis, dass es in den vergangenen 15 Jahren nur zwei Vereinen, dem VfL Wolfsburg sowie Hertha BSC Berlin, gelang, nach einem Aufstieg nicht mehr abzusteigen. Dabei vergaß er zwar Hannover 96, worauf er jedoch hinauswollte, war klar: Bei der TSG haben sie gemerkt, welch Privileg es sein kann, überhaupt erstklassig spielen zu dürfen. Wer will, kann daraus eine neue Hoffenheimer Bescheidenheit ableiten - dass Trainer Ralf Rangnick neulich in einem Interview mit der "Welt" sagte, er könne sich mit Mittelmaß anfreunden, passt ins Bild.
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